Gelebter Minimalismus – Adee Entsafter?

Reisen bildet, sagt man immer gerne.

Aber was ich auch festgestellt habe, ist, dass es nicht nur im Sinne der Sprachen oder Sehenswürdigkeiten bildet, sondern auch im Sinne der Distanz zum sonstigen Leben. Ich habe mir einmal erlaubt, meine freiberufliche Tätigkeit dahin gehend zu nutzen, die Republik ein wenig zu erkunden. Ferne Länder kenne ich schon, das war für mich lange Zeit klar, wenn der Urlaub kommt, dann geht es ins Ausland. Aber Deutschland blieb lange Terra Incognita.

Aber als ich mich mit meinem Laptop auf längere Reisen begab, an mehreren deutschen Orten längere Zeit lebte, habe ich nicht nur viel über den Osten und den Westen erfahren, sondern ganz viel auch über mich und meine Bedürfnisse. Die letzte Wohnung ist für mich heute schon fast absurd -voll, voll, alles war da, sogar im Übermaß. Was für Geräte ich doch hatte, manchmal kommt mir das wirklich unglaublich vor. Mittlerweile habe ich vieles davon verkauft oder untergestellt, und siehe da, ich scheine die Sachen nicht zu vermissen!

Mal ganz ehrlich, braucht man wirklich einen elektrischen Schredder, der mit leisem Surren alte Briefe in Kleinholz verwandelt? Oder was soll ich mit einer Teemaschine, die man abends so einstellt, also programmiert, dass morgens der Tee dampft? Heute genieße ich sogar das Ritual, mir am Ort der Wahl als erstes einen Tee auf zu brühen, per Hand und ganz ohne Programmierung. Und so geht das immer weiter, auch mein eigentlich geliebter Entsafter hat sich – vorübergehend zumindest – entbehrlich gemacht. Der hat mir zwar zuverlässig leckere, gesunde Säfte beschert, aber jetzt esse ich eben mehr frisches Obst, geht auch.

Was ich sagen will, ist, dass man, wenn man sich auf eine Reise, auch eine längere einstellt, erfahren kann, dass der ganze Kram, mit dem wir unseren Alltag so gestalten, nicht wirklich wichtig ist. Beim Reisen erfährt man nämlich ganz andere Dinge, zum Beispiel wie es ist ist, sich immer wieder an neue Situationen anzupassen oder auch zu improvisieren.

Wer schon einmal mit dem Rucksack unterwegs war, weiß das ohnehin. Da muss man im Vorfeld ja genau festlegen, was man einpackt, was man braucht und was nicht. Dabei lernt man auch das “multi Using” sehr gut. Ich schwöre mittlerweile auf mein “all in one” Shampoo, mit dem ich dusche, die Haare wasche, die Handwäsche erledige und, wenn es sein muss, auch den Abwasch wuppe. Eine kleine Packung – eine ganze Welt.

Und was passiert, und das ist an keinen Ort gebunden, wie ich gemerkt habe, ist, dass man automatisch sich nach außen orientiert, achtsamer und wacher wird, wenn man mit all dem Ballast und den täglichen Verrichtungen nicht mehr zu tun hat. Das einfache Leben kann dir buchstäblich die Augen öffnen. Du siehst plötzlich die Tiere um dich herum, du riechst und schmeckst anders, als wenn du dich in der ach so bequemen Welt im vierten Stock einmummelst.

Ich kenne mittlerweile einige Leute, die sich ein Sabbatical leisten. Die machen ähnliche Erfahrungen. Wenn alles weg ist, was dich sonst bindet, die Wohnung, der Job, die Karriere, man sich auf ein leichtes Leben – auf Zeit – einlässt, kann sich das ganze Leben noch einmal neu sortieren.

Ich kann also jedem nur raten, auch einmal aus seinen gewohnten Bahnen heraus zu denken. Nutzt einen Übergang zwischen zwei Jobs, nehmt euch eine Auszeit. Fahrt also los, allein oder zu zweit, wie ihr wollt. Werft den Ballast ab, und erfahrt dabei, was ihr wirklich zu einem interessanten und genussreichen Leben braucht. Und dann könnt ihr ja immer noch nach Hause zurück kehren – der Entsafter wird poliert, ihr macht euch tolle Smoothies und werdet sehen, dass sich alles ganz anders anfühlt als zuvor.

Ein bisschen Mut erfordert es sicher, ein leichtes Leben ohne all den gewohnten Komfort zu starten. Aber am Ende kommt etwas heraus, das man Lebenserfahrung nennen kann. Probiert es aus – dann wisst ihr genau, was ihr wirklich für euer Leben braucht!

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